Lord

Informationsextraktion

Station Dargun

„Ihr Wahnsinnigen werdet mich nie weichkriegen!“

Der Rep wehrte sich vehement. Sein kantiges Gesicht war von den Spuren des Krieges gekennzeichnet, seine Oberarme sahen aus, als könnte er einen Hutten mit Leichtigkeit anheben.

Die Wachen und der Wachdroide zeigten sich unbekümmert, während sie den tobenden Mann auf der Liege festzurrten und diese schräg im 45° Winkel nach oben richteten.

„2 Stunden,“ meinte Vargas, nachdem er herangezoomt hatte und ließ eine Packung Schokokekse in den Wetteinsatzbehälter segeln.

„Das schaffe ich in einer,“ konterte Nizar und deponierte ihrerseits eine Tüte Chips ‚Echtes Kaleeisches Chili‘ in den Behälter.

Vargas Augen weiteten sich. „Woher hast du die denn?“

„Tja,“ grinste sie, „das wirst du nie erfahren, geschweige denn schmecken,“ sie stand auf, ging ein paar Schritte zur Türe und lehnte sich, die Hände am Metall des Rahmens, in den Kontrollraum, „denn du wirst verlieren.“

„Pfft.“ Er drehte den Ton lauter. „Dieses Exemplar hat viel Energie und seine Wunden zeigen deutlich, dass er Schmerzen gewohnt ist.“ 

„Ja, ich habe den Bericht gelesen. Wie kann ein denkendes Wesen so schreiben? DAS ist Folter.“

Vargas schmunzelte. „Ja, er las sich etwas zäh,“ bestätigte er, „dafür war er sehr ausführlich.“

„Wenn ich es in unter 1 Stunde schaffe, was machst du dann?“ hauchte Nizar.

„Es ist nicht notwendig, darüber nachzudenken, denn du wirst es nicht schaffen,“ antwortete Vargas selbstgefällig. „Überlege lieber, was du machst, wenn du länger als 2 Stunden brauchst.“

„Bis gleich, oder sollte ich sagen, bis in 45 min?“ Beim Gehen rief sie noch: „Lass 2V schon mal kochen.“

„Damit dann alles kalt ist, wenn du in 3 Stunden fertig bist?“

 

Ihr Lachen hielt an, bis sie vor den Befragungsraum stand. Sie musste ein paar Mal tief durchatmen. Sith Lords lachten laut der bisher gefragten Reps niemals, außer es war ein verrücktes, grenzdebiles und selbstverständlich hasserfülltes Kichern bei Folterungen und anderen unheilbringenden Taten.

Nizar betrat den Raum und ging zielstrebig, aber angemessenen Schrittes zu der Liege mit ihrem Gast. Die Spinne hatte sich noch nicht entfaltet und im Optimalfall brauchte sie dies auch nicht. F65.52-IC stand regungslos in der Ecke. Die Präsenz eines Informationsextraktionsdroidens, der gar nichts tat als zu warten, stellte für die meisten schon den ersten nicht stimmigen Punkt dar. Die Farben des Raumes taten ihr Übriges. Es hätte die meisten unglücklichen Seelen gewundert, wenn sie gewusst hätten, dass die ganze Station in deprimiert anthrazit-grau gehalten war, aber der Erbauer hatte Wert auf Funktionalität gelegt und nicht auf Wohlfühlfaktoren.

„Ihr Schlächter werdet nichts von mir erfahren!“ wehte es ihr auch schon entgegen, kaum, dass sie zum Stehen gekommen war.

„Na, na, wer wird denn gleich so unhöflich sein, hm? Wir können uns doch wie zivilisierte Leute unterhal…“

„Zivilisiert? Ha! Ihr Monster! Tötet mich gleich, denn ich werde nichts sagen!“ Trotzig schloss der Rep seinen kantigen Kiefer. Wenn er gekonnt hätte, hätte er nun die Arme verschränkt.

„Töten? Nicht doch.“ Nizars Augen schweiften über die Kleidung des Mannes, begleitet von ihrer rechten Hand. Militär, nichts individuelles. Als ihre Hand über eine kleine Seitentasche glitt, versteifte der Körper sich reflexartig, nur eine Sekunde, dann hatte der Mensch sich wieder unter Kontrolle.

Sie griff in die Tasche und holte einen kleinen Anhänger hervor. Holzperlen und Blumen, ohhh.

„Es wäre doch bedauerlich, wenn deine Tochter sich die ganze Mühe umsonst gemacht hat.“ Nizar spielte mit ihren Fingern mit dem kleinen Anhänger. „Sie wartet bestimmt auf deine Rückkehr, nicht wahr?“

Kurz, für den Bruchteil eines Atemzuges, zuckten seine Augenlieder.

Er hat sich sehr gut unter Kontrolle.

„Was bedeutet das schon für so was wie dich?“ Nizar verzog den Mund. Warum meinten diese Typen immer, sie zu beleidigen wäre in irgendeiner Weise hilfreich?

„Sie sind in Sicherheit, weit weg von euch Monstern!“

„Nun, ihre Sicherheit hängt von dir ab. Du willst doch nicht, dass deiner Frau und Tochter etwas zustößt – wegen dir? Das muss furchtbar sein…“

Langsam ließ sie die Angst in sein Bewusstsein tröpfeln.

„Nein, sie sind in Sicherheit!“

„Ja, das sind sie,“ Nizar streckte ihren Arm aus, als wolle sie jemanden willkommen heißen, „denn sie sind hier.“ Sie konzentrierte sich. Es war schwer, aber mittlerweile hatte sie Übung. Dank der Arbeit von Imperial Intelligence und des unglaublich detaillierten Berichtes wusste sie, wie die beiden aussahen.

Eine schlanke Frau mit kastanienbraunen Haaren und tiefblauen Augen betrat den Raum. Ein rothaariges Mädchen mit Sommerstrossen, ca. 8 Jahre alt, hüpfte gut gelaunt neben ihr her, bis sie erschrocken die Liege erblickte.

Oh, der Blick des Reps war unbezahlbar.

„Siehst du, es geht ihnen gut.“ Nizar lag die Hand auf die Schulter des Mädchens.

„FASS SIE NICHT AN!“

Das Mädchen sah erschrocken aus.

„Aber Dad, was hast du denn?“ fragte eine niedliche Kinderstimme.

Nizar lächelte und tätschelte den Kopf des Mädchens. Es war eine mechanische Geste ohne echtes Gefühl. Genauso gut hätte sie ein Kissen glatt streichen können.

„Liseé, ich… ich…“ Der Rep blickte verwirrt um sich. „Wie kann das sein?“ murmelte er.

„Es geht ihnen gut,“ betonte Nizar. Im Flüsterton fügte sie hinzu: „Wir wollen doch, dass es so bleibt, nicht wahr? Es wäre eine absolut erschreckende Vorstellung, wenn ihnen wegen dir etwas zustoßen würde, nicht wahr?“

Die Augen des Reps zuckten zwischen ihr, seiner Frau und der Tochter hin und her.

Weiterhin tropfte die Angst in sein Bewusstsein, welches langsam weicher wurde und es Nizar so einfacher machte.

„Wenn du mir sagst, was ich wissen möchte, wird es ihnen gut gehen. Wenn nicht…ach es ist so traurig, wenn einem Kind etwas zustößt. Es liegt ganz bei dir. Ihr Leben und ihr Wohlergehen liegen vollkommen in deinen Händen.“

Nizar schwieg und ließ die Worte wirken. Die Frau und das Kind lächelten den Rep an. Sie spürte seine innere Zerrissenheit. Sein Herz hämmerte gegen seine Brust, die Augen geweitet, der Atem stoßweise.

Nicht zu viel Angst.

Eine zu starke Aktivierung des Sympathikus würde zu einem Schock führen und im schlimmsten Fall in einem Herzinfarkt enden.

„U…und wenn ich es dir sage, Sith, dann wird meiner Familie nichts geschehen?“ Seine Augen glänzten feucht.

„Wenn du mir alle Informationen gibst, die ich brauche, wird ihnen nichts geschehen und deine Tochter wird ein langes und glückliches Leben führen – in Freiheit. Ebenso wie deine Frau,“ antwortete Nizar ruhig. Sie ließ Mutter und Tochter sich mit einem fröhlichen ‚Bis später‘ verabschieden. Beim Rausgehen redeten sie über den Geburtstagswunsch der Kleinen. Sie beendete die Illusion, als die beiden vermeintlich den Raum verlassen hatten.

Der Mann weinte jetzt.

Nizar lächelte und begann mit ihren Fragen; sie musste nicht viele stellen, es sprudelte geradezu aus ihm heraus.

Ah, ich mag Reps mit Familien, vor allem mit glücklichen Familien.

Als sie alle Informationen bekommen hatte, suchte sie mit der Macht einige essentielle Punkte im Hirnstamm und griff zu. Der Rep zuckte ganze 30 Sekunden unkontrolliert, als sein vegetatives Nervensystem nach und nach ausfiel. Schließlich erlosch das Licht in seinen Augen.

Nizar blickte auf die Uhr.

50 Minuten.

Gut gelaunt machte sie sich auf den Weg zurück zu Vargas und der gewonnen Wette.  Das Armband warf sie in den Recycler.

Epilog

Lächelnd genoss Nizar ihre Schokokekse, während Vargas an seinem Controllpad hantierte.

„Effizienz insgesamt um 14% gesteigert,“ kommentierte er ohne aufzublicken. 

„Ja, das ist der Sinn der ganzen Sache.“

„Der nächste steht in zwei Tagen an.“ Vargas sah sie an. „SIS.“

Nizars Augen weiteten sich.

„Das schaffst du aber wirklich niemals in unter 5 Stunden.“ 

„Herausforderung akzeptiert!“ Sie biss in den Keks.