Heute

Im Bann des Schattens

Ein Alptraum. Eine Prüfung.

Nizar öffnete die Augen und stand in einem kahlen Raum mit einer einzigen Türe.

Der Kokon war verschwunden, ebenso das Schiff und die anderen. Bevor sie darüber nachdenken konnte, öffnete sich die Türe von selbst und ein Lichtschein durchbrach die Dämmerung des Raums. Da es keine andere Option zu geben schien, trat sie durch die Türe und stand zu ihrer Überraschung in einem altbekannten Flur. Die Wände waren aus einem anthrazitfarbenen Metall, schlichte Leuchtstreifen spendeten ein rötliches Licht.

 

Dargun? Die Stationsfestung? Mit ihrer Hand berührte sie die Wand. Kalt, glatt, real. Wie kann das sein?

Eine schwere metallene Türe erschien in ihrem Blickfeld am Ende des Flurs. Nizar wusste genau, welche Türe dies war. Sie machte Anstalten, umzudrehen, doch etwas hinderte sie daran. Ihr Körper gehorchte einfach nicht. Statt sich von der Türe zu entfernen, ging sie einen Schritt darauf zu.

Jemand lachte.

„Oh nein, es geht nur vorwärts…immer nur voran.“

Nizar runzelte verärgert die Stirn. Diese Stimme wollte sie hier nun wirklich nicht hören, schließlich war das eine sehr private Erinnerung. Ihr Kopf gab das Kommando des schwungvollen Umdrehens, aber stattdessen schritt sie energisch genau vor die metallene Türe.

„Na, na, manchmal bist du ein wenig schwer von Begriff, oder?“ unkte der Schatten.

Er war in ihrem Kopf. Das hatte sie erwartet. Was sie nicht erwartet hatte, war ein derartig tiefes Graben in ihren Erinnerungen.

Das wird sehr unschön, dachte sie.

„Oh nein,“ kam die Antwort in freudiger Erwartung, „im Gegenteil, es wird wunderbar.“

Nizar stieß die verdammte Türe auf.

 

Sie betrat den Raum. Alles war vorbereitet. An jeden der fünf großen, schwarzen Obelisken war jeweils ein Jedi gekettet. In der Mitte das Pentagon, dessen feine Linien ein weißes Muster auf dem dunklen Boden bildeten.

Mechanisch trat sie einen Schritt vor und die Türe fiel laut hinter ihr zu.

Nizar versuchte erst gar nicht, sie wieder zu öffnen. Sie wusste, was nun kommen würde. Die Gier auf ihr Versagen zog wie Nebel durch den Raum. Der Schatten musste ungemein Spaß an der ganzen Sache haben. Kurz schloss sie die Augen, um sich zu sammeln. Sie spürte die allgegenwärtige Präsenz des Schattens und das subtile Drängen. Als sie die Augen wieder öffnete, fiel ihr Blick auf ihr Spiegelbild auf der glatten Fläche des Obelisken.

Keine Maske.

Schön, diese kleinen Details, dachte sie sarkastisch.

„Nicht wahr? Ich bin sehr fürsorglich.“

Wahrlich, sehr freundlich

„Keine Sorge, ich verspreche dir, ich werde kein Detail vergessen.“

Nizar war schon beeindruckt, wie viel Abscheu und Hass man in einen solch kurzen Satz projizieren konnte. Sie freute sich auf die Revanche.

„Dazu wird es nicht kommen,“ zischte es wutentbrannt in ihrem Kopf. Der Schatten stieß sie in die Mitte des Pentagons.

 

Nizar positionierte sich still in der Mitte des Pentagons. Es war, als würde sie in einem Film spielen, dessen Handlung feststand. Sie wusste, was passieren würde. Sie wusste, sie würde scheitern, aber sie konnte nichts ändern.

Wenn ich es aktuell nicht ändern kann, muss ich mitmachen.

Also gut, dann los.

Zu wissen, was passieren würde, machte es nicht einfacher. Sie atmete noch einmal tief durch.

 

Nizar ließ die Macht durch sich strömen. Ihr Geist berührte den ersten Obelisken, der summend erwachte. Auf dessen Oberfläche leuchtete das Labyrinth-ähnliches Muster auf. Dann zog ihr Geist weiter zum zweiten, zum dritten, und zum vierten Stein. Als sie den fünften Obelisken aus seinem Schlaf geholt hatte, synchronisierte sich das Summen. Schwach breitete sich das Leuchten der Linien des Pentagons ausgehend von den Obelisken aus, bis es Nizar vollständig umflossen hatte.

Sie begann, Macht aus den Obelisken zu ziehen und schon glühten die Linien stärker.

Der Kristall. Nizar konzentrierte sich auf die Erschaffung des Kristalls. Es sollte ein besonderer Kristall werden mit einer komplizierten Struktur. Die ersten Moleküle schmolzen getrieben von der Macht und Nizars Willen zu der Basis des Kristalls zusammen. Nizar konzentrierte sich stärker. Es war fast schon schmerzhaft.

Sie sammelte eine Aura der Dunklen Seite um sich. Immer noch die Basis des Kristalls haltend, formte sie die Aura zu einer alles verzehrenden Kugel, die pulsierend nach dem Leben trachtete.

Eine leise Stimme im hintersten Winkel ihres Kopfes hämmerte verzweifelt an ihre Vernunft und beschwor sie, sofort aufzuhören.

Sie hatte damals nicht zugehört, sie tat es auch jetzt nicht.

Mit einer Anstrengung, die sie fast ohnmächtig werden ließ, dehnte sie das Todesfeld aus bis es die Jedi erreichte. Wie ein hungriger Nebel zog die Dunkle Seite das Leben aus den fünf Jedi. Nizar spürte die Energiewelle und fuhr mit dem Aufbau des Kristalls fort.

Die Zeit verstrich. Langsam wuchs der Kristall.

Die Anstrengung, das Feld zu kontrollieren und gleichzeitig den Kristall zu erschaffen, zerriss Nizar fast.

Durchhalten.

Der Kristall schwebte im Pentagon und erstrahlte in der Macht. Es fehlten nur noch ein paar Details.

Das Leben der Jedi erlosch; der Hunger der Dunklen Seite blieb.

Der gierige Nebel wallte in die einzige Richtung, aus der es Leben spürte.

 

Sie wollte das Todesfeld beenden. Sie hielt immer noch den Kristall, dem nichts geschehen durfte, und versuchte die Energie des Feldes zurück ins Nichts zu pressen.

Das ausgewachsene Todesfeld ließ sich davon wenig beeindrucken.

Das Lachen des Schattens war sehr laut.

Kristall. Details. Schnell.

Sie konzentrierte sich ganz auf den Kristall. Das filigrane Netzwerk in seinem Inneren dehnte sich aus und…

Ein unglaublicher Schmerz durchzog Nizar. Jede Faser ihres Körpers brannte, jede Zelle löste sich in Agonie auf, als der Nebel sie durchdrang und ihr Leben aus ihr herausriss.

Das Gehirn kann traumatische Geschehnisse zum Schutz des eigenen Selbst ausblenden, sie tief im Unterbewusstsein vergraben, damit sie in Vergessenheit geraten.

Der Schatten hatte sie alle gefunden.

„Ich habe kein Detail vergessen,“ ätzte er.

Nizar konnte nicht antworten, schreien oder sich bewegen. Sie konnte nur noch spüren, wie die Dunkle Seite sie Zelle für Zelle auffraß. Ihr Herzschlag wurde langsamer. Seltsame Lichtblitze und Punkte flackerten vor ihren geschlossenen Augen.

Der Kristall glühte in der Dunklen Seite wie eine blutrote Sonne.

Mit großer Verzweiflung, noch größerer Willenskraft und der absoluten Sturheit, jetzt auf keinen Fall zu sterben, nutzte sie die Verbindung zu dem Kristall und begann, ihre Lebensenergie zurück zu ziehen.

Der Schmerz wurde unerträglich, löschte auf seinem Weg alles Denken, Fühlen und Handeln aus bis es nur noch Dunkelheit gab.

Nizar brach ohnmächtig zusammen, ihre Hand umschloss den glühenden Kristall.

 

Weiß.

Piepen. Rauschen.

Irgendetwas auf ihrem Gesicht, an ihren Armen. In ihrer Hand.

Langsam blinzelte sich Nizar wieder in die Existenz zurück. Alles um sie herum wirkte steril und weiß, wie auf einer Krankenstation. Sie drehte mühsam den Kopf und sah aus den Augenwinkeln eine Armee an blinkenden und piependen Geräten. Eines zeichnete gezackte Berglandschaften auf einem Monitor und gab missmutige Geräusche von sich. Und Schläuche. Überall Schläuche.

In ihrer rechten Hand spürte sie etwas…den Kristall. Er war warm, irgendwie angenehm, doch sein Leuchten war erloschen. Ihr Körper fühlte sich seltsam an, taub und gleichzeitig verbrannt.

Mit einer zitternden Linken tastete sie nach ihrem Gesicht. Eine Art Maske…?

So ein Blödsinn. Sie zog an der Maske und eine Hand hielt die Ihre fest, drückte die Maske wieder zurück auf Nase und Mund.

„Das solltest du lassen.“

Vargas stand an ihrem Bett und schüttelte den Kopf. Sie war erleichtert, ein bekanntes Gesicht zu sehen. Immerhin gab es auf der Station nur Vargas und sie als Menschen, das restliche Personal waren Droiden.

Nizar wollte etwas sagen, aber bekam nur ein Krächzen zu Stande. Vargas setzte sich auf einen Hocker und sah sie mit einer Mischung aus Betroffenheit und Unglauben an.

„Langsam…“

Sie versuchte, sich aufzusetzen, aber wieder gelang es nicht. Ihre Hände und Arme konnte sie bewegen, ebenso die Füße und Beine. Sie spürte ihren Körper mehr als ihr lieb war. Alles schmerzte in einer Intensität, die ihr buchstäblich den Atem nahm.

„Ni, langsam. Du lagst 8 Monate im Koma. Die Ärzte hatten schon die Hoffnung aufgegeben, dass du jemals wieder wach…“

Sie riss fassungslos die Augen auf. 8 Monate?!

Vargas spürte ihren aufwallenden Zorn. „Du brauchst deinen Zorn für dich selbst, Ni, richte ihn nicht gegen mich. Du wirst allen Hass dieser Welt brauchen, um wieder halbwegs funktionsfähig zu werden.“

Nizar zog die Braue hoch und brachte ein krächzendes „Halwes?“ zu Stande. Vargas hatte sie schon verstanden.

„Ähm, ja. Du bist ziemlich defekt…“

Nizar hätte ihn am liebsten geschüttelt. Normalerweise machte es ihr nichts aus, wenn er einen humanoiden Zustand mit Droidenfachsprache beschrieb, nur jetzt hätte sie gerne eine akkurate Beschreibung ihres Zustandes. Nizar brachte ein wütendes „Mhm!“ zu Stande. Sie versuchte noch einmal aufzustehen. Vergeblich.

„Deine Organe sind beschädigt,“ antwortete Vargas und vermied, ihr in die Augen zu sehen. „Also, irgendwie fast alle Organe, die wichtig sind. Du wirst die Maske brauchen, immer. Nachts wahrscheinlich sogar eine Sauerstoffzufuhr. Dann wird es noch etwas dauern, bis du aufstehen kannst. Bewegen wird wahrscheinlich auch wieder möglich sein, die Ärzte waren sich nicht so sicher…“

Irgendetwas zerbrach in ihr. Sie spürte, wie ihre Selbstbeherrschung schmolz und Tränen ihre Wangen herabliefen. Noch schlimmer konnte es eigentlich nicht kommen.

Vargas machte Anstalten sie zu umarmen und sie nahm es dankend an. Sein freundliches Lächeln wurde immer weiter, bis es Dimensionen annahm, die anatomisch nicht gesund waren. Lange spitze Zähne erschienen in dem Mund. Seine Augen fingen an zu glühen.

Nizar wollte sich wegdrehen, aber wieder gehorchte ihr Körper nicht. Die pure Verzweiflung bekam noch eine Spur Panik, als sie sich fragte, wo Vargas war.

Das Gesicht von Vargas verkrümmte sich. Nizar konnte sich nicht abwenden.

Dann spürte sie eine Hand auf ihrer Stirn. Sie sah hoch und der Schatten stand kichernd neben dem Krankenbett.

„Shhh…shhhshhh wer wird den gleich weinen? Mhmm? Dieser Schmerz, diese Verzweiflung….herrlich nicht war?“ Aus dem Amusement wurde Zorn. „Das passiert, wenn man es wagt, sich mit mir anzulegen. Du wirst auf ewig diese Prozedur wieder und wieder durchleben!“

Nizars Verzweiflung wurde von einer großen Welle an Zorn verdrängt. Sie starrte dem Schatten in die leuchtenden Augen. Mehr konnte sie auch nicht machen, da sie sich immer noch nicht bewegen konnte.

Ich habe es jetzt schon zweimal überlebt. Und wenn ich es tausendmal durchleben muss, du dysfunktionale Ausprägung eines Traumas, ich werde überleben!

Nizar schloss die Augen und sammelte sich so gut es ging.

 

Nizar stand in einem Flur, die Wände waren aus einem anthrazitfarbenen Metall, schlichte Leuchtstreifen spendeten ein rötliches Licht…

 

Epilog

Der Bann des Schattens wurde gebrochen. 

Doch die Erinnerung lebt weiter.