Akolythen
Das erste Mal
Eine kleine Sith Hexe beim Schwertkampftraining und ein Wunder, was nicht unbeobachtet bleibt.
„Naga Sadows Leviathan wütete unter seinen Feinden, bis ihre Knochen nur noch Staub unter der Sonne Kerrighans waren. Die Bestie lebt bis heute in den verwinkelten Höhlensystemen und wartet auf einen neuen Meister, der ihrer Macht würdig ist. Doch noch ist es niemandem gelungen, den Leviathan für sich zu beanspruchen und der Berg an Leichen vor dem Höhleneingang wächst mit jedem neuen Sith, der meint, es versuchen zu müssen.“ Mit einem akribischen Blick auf die Akolythen schloss der alte Ausbilder für Sith Geschichte die Saga ab.
Nizara starrte ihn immer noch gebannt an. Die ganze Sache mit der Alchemie fesselte sie. Was damit alles möglich war!
Zusammen mit den wenigen anderen geschichtsinteressierten Akolythen verließ sie den Saal. Draußen traf sie auf Krenare und Vargas, die aus ‚Taktische Kriegsführung‘ kamen.
„Na, wieder nicht eingeschlafen?“ begrüßte Krenare sie.
„Heute war Naga Sadow aus der Reihe Sith Alchemie das Thema. Es war so spannend. Und das war nur der Anfang.“
Krenare tätschelte sie.
„Ich habe volle Achtung vor dir, dass du wach bleibst und sogar zuhörst.“
Nizara schnitt eine Grimasse. „Wo ist Aiden?“
„Immer noch bei ‚Fortgeschrittenes Abschlachten für Berserker‘,“ antwortete Vargas.
„Extra für ihn konzipiert, hm?“
Krenare grinste. „Das Training beginnt gleich, wir werden ihn sicherlich dort treffen.“
Als sie beim Trainingsplatz für Lichtschwertkampf ankamen, hatten sich bereits einige Akolythen eingefunden.
„Na, endlich fertig?“ begrüßte Aiden sie polternd. „Und Ni, wieder wach geblieben?“
„Selbstverständlich. Du schläfst beim Training ja auch nicht ein.“
„Das kannst du so nicht vergleichen. Geschichte ist einfach…öde. Und erst dieser Typ,“ fügte er leiser hinzu.
Der Geschichtsdozent war wirklich etwas gewöhnungsbedürftig, aber er war erstaunlich nett, wenn er ehrliches Interesse an seinem Fach in jemandem bemerkte – was selten vorkam.
„Ja, er ist etwas speziell,“ gab Nizara zu.
„Genug gequatscht! Aufstellung!“ durchbrach die Stimme des Ausbilders die Unterhaltungen.
Alle Akolythen stellten sich in einem Kreis um den Übungsring auf. Es wurden immer zwei in den Ring für einen kurzen Schlagabtausch mit Form 1 gerufen. Fortgeschrittene durften auch bereits andere Formen verwenden, wenn sie es konnten, doch davon gab es nicht viele.
„Krenare und Sodral“
Die Sith und ein drahtiger Zabrak sprangen anmutig in den Ring.
„Das dauert jetzt,“ murmelte Nizara.
Vargas nickte. „Ja. Ich weiß auch nicht, warum die beiden gegeneinander kämpfen sollen. Sie treffen sich sowieso nicht. Das macht keinen Sinn.“
Aiden feuerte laut Krenare an.
Die beiden Kontrahenten tanzten in perfekter Choreografie durch den Ring, ohne dass einer auch nur einen Treffer landen konnte; entweder wich der andere aus oder parierte.
„Genug! Aiden und Jorrbarr“
Krenare und Sodral verabschiedeten sich mit dem Schwertgruß und verließen zufrieden lächelnd den Ring, während der Rattataki und ein massiger Mensch hineingingen und begannen, aufeinander loszuschlagen.
„Und jetzt sehen wir Fortgeschrittenes Abschlachten für Berserker in der Praxis,“ kommentierte Ni.
„Ich gebe Aiden 20 sec.“
„20 sec? So schlecht ist Jorr nicht. Das dauert länger.“
„Willst du wet…“
„Das ist kein Picknick hier!“ keifte der Ausbilder. „Ruhe jetzt!“
Vargas und Nizara sahen sich an. Ni zeigte ihm sechs Finger und er nickte, immer noch siegessicher.
Aiden hieb so fest zu, dass Jorrbarrs Trainingsschwert zerbrach.
„Genug!“ Der Ausbilder schaute noch griesgrämiger als sonst. Die beiden konnten sich kaum bremsen. „Wenn ich noch einmal bei euch dazwischen gehen muss, putzt ihr den Rest eures Lebens die Akademie, bis sie frei von Sand ist!“
Knirschend und schnaubend ließen die beiden voneinander ab.
Aiden kam zu ihnen. „Mann, was soll das? Wir hätten auch ohne Schwerter weiter machen können.“
„19,56 Sekunden,“ flüsterte Vargas zu Nizara.
„Cardoso-Silva und Heran.“
Vargas schnaubte und trat zusammen mit dem muskulösen Twilek in den Ring.
„Oh oh.“
„Keine Sorge Ni, Vargas schafft das locker. Der ist besser, als er uns glauben lässt,“ meinte Aiden ausnahmsweise in einem leisen Tonfall.
„Ich mache mir keine Sorgen, dass er verliert,“ flüsterte sie zurück. „Ich mache mir Sorgen, dass er Heran köpft.“
„Nicht mit diesen scheiß Übungsschwertern.“
„Na, wer weiß,“ mischte sich Krenare ein, „ich habe schon Leute Schneckenzungen als Artefakte mitbringen sehen…“
Die drei versuchten, möglichst unauffällig zu lachen.
Vargas ließ Heran angreifen und wartete konzentriert auf eine Blöße. Als diese kam, brauchte er ganze 10 Sekunden, um Heran an den Rand des Rings zu drängen und ihn nur fast zu köpfen.
„Genug! Velen und Azeda!“
Nizara seufzte tief und schlurfte hochmotiviert in den Ring.
„Ni, Kopf hoch! Siegeswille! Du siehst aus, als wenn du zu deiner Hinrichtung gehst,“ raunte ihr Krenare noch zu.
„So fühle ich mich auch,“ nuschelte Ni zu sich selbst.
Die Togruta brauchte nur 4 Sekunden, um Nizara an den Rand des Ringes zu prügeln. Sie schwitzte dabei nicht einmal.
„Genug! Velen, Gratulation, ein neuer Rekord.“
Ni kam sich so unendlich dämlich vor. Leider war Herzen zerquetschen im Trainingskampf strengstens untersagt, wie sie hatte feststellen müssen. So blieb ihr nur das verhasste Trainingsschwert, mit dem sie einfach nicht umgehen konnte, gleich, wie viel sie damit übte.
Die Kämpfe gingen weiter, bis jeder an der Reihe war. Nach weiteren Übungen zu Form 1 wurden die verschwitzten und erschöpften Akolythen entlassen.
„Hast du Herans Gesicht gesehen? Vargas, ich schwöre, du bist sein persönlicher Alptraum,“ lachte Aiden gut gelaunt.
„Er soll mir einfach nicht ständig auf die Nerven gehen.“
„Ni, kommst du noch mit zu unserem Training?“ fragte Krenare.
Nizara schüttelte den Kopf. „Nein, ich muss für Geschichte noch was lesen, sonst mutiert der Dozent wieder zum Rakghul.“
Aiden verzog das Gesicht. „Der Typ ist so unheimlich.“
„Ni, du solltest…“
„Bis später dann,“ unterbrach Vargas die Sith.
Krenare funkelte Vargas an. „Selbst Hexen sollten die Grundlagen können:“
„Sie kann die Grundlagen,“ seufzte Vargas, „nur nicht im Kampf.“
Nizara beeilte sich, in ihr Quartier zu gelangen. Nachdem sie sich frisch gemacht hatte, warf sie sich auf ihr Bett und las die Kapitel über Naga Sadow.
Die Sonne war bereits untergegangen, als sie von dem Datapad aufblickte. Sie war immer noch frustriert wegen des Trainings. Es musste doch was geben, was sie auch konnte. Sie schaffte mittlerweile zwar relativ schnell, das Herz zu finden, doch andere Punkte benötigten wesentlich länger und sie musste sich sehr darauf konzentrieren.
Ihr Blick fiel wieder auf das Datenpad. Sie könnte es versuchen. Es war nicht verboten. Ein kleiner Kristall vielleicht. So hatten viele Alchemisten angefangen. Es war niemand hier, der es bemerken würde.
Nizara kniete sich auf den weichen Teppich, den ihre Eltern ihr mitgegeben hatten, nachdem sie ihnen von der Zimmerausstattung erzählt hatte. Sie atmete tief ein, schloss die Augen, zog sich in sich selbst zurück und streckte nur ihre Sinne für die Macht aus. Überall spürte sie die Macht Korribans. Sie tränkte den ganzen Planeten in eine Aura der Dunklen Seite. Die Macht durchzog sie und sie war ein Teil davon.
Nizara stellte sich die Moleküle in der Luft vor. Die Atome im Kern, umgeben von den Elektronenwolken. Sauerstoff, Kohlendioxid, Stickstoff, Wasserstoff. Wie sollte sie nun aus ihnen einen Kristall formen? Kristalle konnten aus unterschiedlichen Elementen bestehen; Silicium, Kohlenstoff, Zink, Cadmium…
Sollte sie nun eine Kernschmelze mit der Macht durchführen, um aus den Luftmolekülen die Kristalle zu erschaffen?
Tiefer öffnete sie sich der Macht und griff mit ihr nach den Atomen. Jetzt mussten diese irgendwie miteinander verschmelzen. Laut Literatur ‚mit der Macht‘, die als Erklärung für alles hinhalten musste, was in dieser Situation nicht sehr präzise oder hilfreich war. Nizara stieß die Moleküle mit der Macht gegeneinander und kam sich dabei wie ein Einjähriges vor, welches Bauklötze aneinander hieb. Das war definitiv nicht der richtige Weg, dafür war er sehr anstrengend.
Sie dachte darüber nach, wie Kristalle entstehen konnten. Die Kristallisation begann an einem Kern und wuchs von dort, wenn es eine Übersättigung gab. Die Temperatur war wichtig, sonst entstand Glas und kein regelmäßiges Kristallgitter. Leider wusste sie keine weiteren Details und wünschte, sie hätte doch den vertiefenden Chemiekurs belegt.
Was konnte sie als Kern nehmen?
Sand, ein Sandkorn!
Mit der Macht tastete sie hinter den Schrank und holte ein einzelnes, winziges Sandkorn hervor, welches sie vor sich schweben ließ. Nun musste sie die Temperatur reduzieren. Sie nahm die Luftmoleküle, was sie an die Grenze des Möglichen brachte und versuchte, sie zu stoppen, aber es waren einfach zu viele. So funktionierte es auch nicht.
Nizara atmete tief durch. Irgendwas machte sie falsch. Sie musste mehr das große Ganze sehen und durfte sich nicht in den Details verlieren. Und vor allem musste sie sich vollkommen nur auf diese eine Sache konzentrieren und alles andere außer Acht lassen.
Nizara drang tief in die Macht ein, tiefer als jemals zuvor und ließ alles andere zurück. Es gab nur noch sie und die Macht. Sie spürte den Wind, der über die uralten Steine der Mauern stob, die Rufe der Terenteks in der dunklen Wüste, die sich zum Jagen sammelten, die Akolythen in der Akademie, die Gräber, Artefakte und die Macht der Dunklen Seite in jedem Molekül dieses Planeten. Sie fühlte die Macht in dem winzigen Sandkorn.
Dort drin hatte sie doch alles, was sie brauchte. Nicht die Temperatur oder der Keim würde den Kristall wachsen lassen, sondern sie musste es ermöglichen. Nur sie selbst, die Macht und ein Wille, der sie lenkte.
Wie sie es bei der Schnecke getan hatte, als sie mit der Macht durch deren Körper gereist war, tauchte sie immer tiefer in das Sandkorn ein und nahm ein Stück davon in ihre geisterhaften Hände. Mit ihren Macht-Fingern und unter Aufbringung all ihrer Willenskraft zog und schob sie an dem Sandkorn – akribisch und kontrolliert. Sie wollte nicht sinnlos herumzerren.
Es wuchs langsam, so unendlich langsam.
Sie ordnete die Atome in einem Gitter an. Macht durchfloss sie und ihr Wille lenkte die Dunkle Seite durch ihre mentalen Hände in das Sandkorn. Der Kern wuchs weiter, wurde dabei immer dünner und durchsichtiger.
Ein unkontrolliertes Zittern überkam sie, ihr Herz schlug wie im Rausch, ihre Lungen versuchten verzweifelt, ausreichend Luft in den Körper zu pressen.
Nizara verlor das Bewusstsein.
„Ni, oh Mann, was machst du denn?“ Aiden sah aus, als hätte er sie am liebsten wachrütteln wollen.
Nizara schaute sich verwirrt um. Sie lag auf der Medistation und blickte in drei besorgte Gesichter.
„Jetzt lass sie doch erst mal aufwachen, du Klotz.“
„Sie ist doch wach.“
Vargas schob sich an den beiden vorbei ans Bett.
„Was hast du gemacht?“
„Ich habe versucht, einen Kristall zu erschaffen,“ flüsterte Nizara. Ihr tat alles weh und sie hatte entsetzliche Kopfschmerzen.
„Was?!“ Vargas starrte sie mit offenem Mund an, was neben dem Versuch, Heran zu köpfen, die stärkste Gefühlsregung war, die sie bisher bei ihm erlebt hatte.
Krenare runzelte die Stirn.
„Echt jetzt?“ fragte Aiden und quetsche sich zwischen Vargas und Krenare.
„Mhm, ja,“ murmelte Nizara mit zittriger Stimme, die deutlich machte, dass sie wohl noch ein paar Tage auf Station bleiben würde. „War wahrscheinlich eine dumme Idee…“
Sie war so enttäuscht.
„Und hast du es geschafft?“ fragte Aiden mit großen Augen.
Nizara hob den Kopf. „Ich weiß es nicht. Ich war noch dabei, dann ist alles dunkel geworden und ich bin hier aufgewacht.“
„Moment!“ mischte sich die Sith ein, „du warst ‚dabei‘? Du hast geschafft, etwas mit der Macht zu verändern?“
Nizara nickte schwach. „Ja, ich habe ein Sandkorn, äh, gestreckt? Mhm, nein, das trifft es nicht. Also, auf jeden Fall ist es größer geworden und durchsichtig.“
Sechs Augen starrten sie an, als hätte sie behauptet, der wiedergeborene Imperator zu sein.
„Hast du es hier?“ fragte Vargas mit Interesse und etwas wie Ehrfurcht in der Stimme.
Nizara schüttelte traurig den Kopf. „Ich weiß nicht, ob es wirklich geklappt hat…Vielleicht habe ich es mir auch bloß vorgestellt.“
„Dann sollten wir dein Zimmer absuchen, bevor die Putzdroiden kommen. Also etwas Klares von der Größe eines Sandkorns. Ist das so richtig?“
Nizara blickte Vargas ungläubig an. „Äh, also, ja, theoretisch.“
Vargas nickte und stapfte aus dem Medizentrum. Krenare seufzte. „Wir helfen ihm. Bis später. Schlaf noch was, du schaust wirklich zerstört aus.“
Aiden grinste ihr aufmunternd zu und die beiden folgten Vargas zu Nizaras Zimmer.
Nizara hoffte so sehr, die drei würden etwas finden. Das konnte sie doch nicht nur geträumt haben. Wie toll wäre es, wenn sie dem Aufseher den Kristall präsentieren könnte? All das misslungene Training wäre verziehen und vor allem würde sich nicht mehr wie ein völliger Versager vorkommen.
Aiden, Krenare und Vargas suchten jeden Winkel des Zimmers ab.
Ohne Erfolg.
Epilog
Die großgewachsene Frau mit den stechend grünen Augen nahm den filigranen Glasbehälter in ihre schlanken Finger und betrachtete den Inhalt; einen kleinen, ungestalten Kristall, vielleicht drei, vier Millimeter groß.
Die vollen Lippen verzogen sich zu einem Lächeln.
„Weiter beobachten und mir berichten.“
Der Ausbilder verbeugte sich tief. „Wie ihr es wünscht, Darth Xeris.“